betweenEbbandFlow: interstitial spaces


23. Juli bis 3. Juli 2022

betweenEbbandFlow : interstitial spaces ist eine “erweiterte“ Ausstellung, die das Hafengelände als konzeptionellen Rahmen und Bühne in den Mittelpunkt stellt. Die ortsspezifischen Interventionen im Hafen sowie parallele Veranstaltungen an ausgewählten Orten im Stadtraum entwickeln sich zu imaginären Geografien.
Wasser fließt als verbindendes Medium und hydrofeministische Metapher, um uns als flüssige Körper zu erleben, die Raum und Zeit durchqueren. In unserer fließend vernetzten Realität bietet dies die Möglichkeit, sich dem zu ergeben, was den Pause-Knopf der Hypermobilität unserer sozialen Welten auslöste. Hierbei ist die Introspektion das mächtigste Werkzeug gegen den ständigen Drang zur Produktion um jeden Preis, um sich so des Raums und der Zeit zwischen den produktiven Dingen, die der kognitive Kapitalismus angehäuft hat, bewusst zu werden.
Es bedeutet, auf die Ökologie zurückzublicken, die mit uns koexistiert, und Umweltfragen in die Bereiche des Individuums, der Gesellschaft und der Menschheit zu verschieben, um die darunter verborgenen Narben zu untersuchen.
Von der Freisetzung des Materials aus dem unsichtbaren Grund der Elbe bis zum Treibsandfetisch, um selbst einzutauchen.
Die Kunstwerke setzen sich aus Video-Sound-Installationen, ephemeren Skulpturen, Leseperformances und binauralen Soundwalks zusammen, aber auch von chthonischen Expeditionen durch den Schlamm, intuitiven Collagen, nachdenklich stimmenden Bannern und einem dichten Kurzfilmprogramm.

Der Hafen wird sowohl als Infrastruktur als auch als kritische Zone betrachtet und reflektiert. Durch die Integration von Landschaft, Geschichte und Gesellschaft stellt das Projekt die Klischees in Frage, die diesem geografischen und sozialen Milieu als Hochburg kolonialer Nostalgie oder Touristenattraktion, die den Kontakt zu ihren Bewohnern verloren hat, zugeschrieben werden.
An der Schnittstelle zwischen Wasser und Land gelegen, birgt der Hafen eine innere Ambiguität des Sowohl-als-auch, aber auch des Weder-noch: ein dritter Raum für die, die weggehen und die, die gerade gekommen sind.
Noch heute wird der Hamburger Hafen als Kreuzung von Migration und Diaspora beschrieben, obwohl diese romantische Darstellung von Begrüßung und Abschied sich von der Realität weit entfernt hat.
Nicht das Symbol des grenzenlosen Transfers und der grenzenlosen geographischen Richtungen, des Hamburger Hafens ist der Ausgangspunkt des Ausstellungsprojekts, sondern die „verweigerte Reisen“ im Schwebezustand zwischen hier und dort: der Verlust des Kompasses. Da Bewegungseinschränkungen geografische, politische oder auch Drehbuch-bezogene Gründe haben können, sollen Mikrogeschichten ohne die Erwartung einer chorischen Chronik erzählt werden. Sie erzählen Themen wie Isolation, Entterritorialisierung, Grenzschließungen und System(versagen). Als hypothetische Antwort auf die Frage „Wie kommen wir in einer Welt, die uns isoliert, zusammen?“ soll genau jenes fragmentierte Mosaik von Erinnerungen und vielstimmigen Erfahrungen zu Wort kommen, das in dem ebenfalls isolierten und von den Seefahrern verlassenen Hafen den natürlichen Spielplatz für die Entwicklung einer gemeinsamen Ausstellung findet. Sie vermittelt empathisch das gemeinsame Gefühl der Verdrängung, das die zeitgenössische Subjektivität ausmacht (eben jene Spaltung, die uns veranlasst, die Objektivität der Entfernungen zu überwinden, uns aber dennoch vom Hier und Jetzt trennt) und das Denken an gemeinsame Kämpfe ermöglicht. Selbst wenn dies bedeutet, den aktuellen Trend zur Interaktion herauszufordern, indem man über den Klang und nicht über das Sehen kommuniziert und so die moderne Hierarchie der Sinne umkehrt.
In Anlehnung an die psychiatrische Therapie ist der interstitielle Raum von Natur aus mehrdeutig. Sein Spiel besteht darin, sich durch die Beobachtung von Teilen seiner selbst und den Dialog mit diesen Teilen in eine Position der Identifikation mit dem/den Anderen zu versetzen, um neue Hypothesen und Beziehungserfahrungen zu erzeugen. In diesem Sinne haben die beteiligten Künstler Verbindungen hergestellt und Kollaborationen geformt, Momente der Verflechtung, die stille Gespräche zwischen den Kunstwerken sind. Das dissidente Symptom, das sich im Intervall zwischen zwei Momenten manifestiert, stört den Spiralverlauf und führt einen Zwischenraum ein. Das kritische Unbehagen, das durch die Werke angedeutet wird, versucht, erprobte produktive Ketten zu unterbrechen. Die Aneignung von Zwischenräumen als zuvor leere Räume (oder Momente) hilft uns also, sie nicht als eine Form des Transits, sondern als einen Modus der Zugehörigkeit als Produktion neuer Orientierungen und Strukturen zu resemantisieren, auch wenn diese prekär sind.
Wenn wir den Kompass verloren haben, sollten wir die neue Perspektive nutzen und die Landschaft vor uns genießen. Sie besteht aus ephemeren Gezeiten auf denen wir reiten können, und aus mächtigen Verbindungen die wir anrufen können.
Künstler: Gregory Büttner and Simon Whetham, Elena Victoria Pastor, Jan Engels, Andreas Peiffer, Midori Yamamoto, Selma Boskailo & Anders Ehilin, Maud van den Beuken, Simone Karl, Fabien Bidaut, Claire Mélot, Juliane Fleurance, Nuria Syawash, Alexandra Gries and Jorel Heid, Dagmar Rauwald, Cora Piantoni, Dagmar Nettlemann Schuldt.
Kuratiert von: Giulia Busetti

English Version:

23rd – July 2nd 2022

betweenEbbandFlow : interstitial spaces is an “expanded” exhibition that centres on the site of the harbour as the conceptual framework and main stage. Site-specific interventions across the harbour and interconnected events in off-spaces unfold suggesting imaginative geographies.
Water flows through as a unifying medium and hydrofeminist metaphor to experience ourselves as liquid bodies traversing space and time. In this fluid connected reality, it might be advisable to surrender to what pressed the Pause button of the hypermobility of our social worlds and consider introspection as the most powerful tool against the constant drive for production at any cost, thus becoming aware of the space and time in between the productive things that cognitive capitalism has accumulated.
This would entail looking back on ecology co-existing with us thrusts environmental issues into the realms of the individual, society, and humankind to examine the hidden scars underneath.
From the release of the material from the invisible bottom of the Elbe to quicksand fetish to dive in yourself.
The artworks, mainly research-based, assume the forms of video-sound installations, ephemeral sculptures, reading performances and binaural soundwalks, but also chthonian expeditions through the mud, intuitive collages, thought-provoking banners and a dense short-films programme.
Reflecting site-specifically, the port is considered both infrastructure and a critical zone. By integrating landscape, history and society, the project questions in fact clichés ascribed to this geographic and social milieu as a stronghold of colonial nostalgia or tourist attraction that lost contact with its inhabitants.
Situated at the interface between water and land, the harbour entails an inner ambiguity of both/and, but also neither/nor: a third space for who’s leaving and who just came.
Still nowadays the Hamburger harbour is described as a crossroad of migrations and diaspora, despite being this romantic depiction of welcomes and farewells quite far from reality.
Rather than the harbour as a symbol of the limitless possibility of directions, the inception of the exhibition project is rather the „denied travel“ in the state of suspense between here and there: a loss of compass. As restrictions of movement may be due to geographical, political, or even film script reasons, micro-stories are to be told without any expectation of choral chronicles, including topics such as isolation, de-territorialization, border closures and system(s) failure. Hypothetically replying to the question “How do we come together in a world that isolates us?”, the intention is to give voice precisely to that fragmented mosaic of memories, polyphonic experiences that find in the similarly isolated harbour, abandoned by the seafarers, the natural playground to develop a joint exhibition, empathically transmitting the shared sense of displacement that constitutes the contemporary subjectivity (that very splitting that triggers us to overcome the objectivity of distances but yet disconnects us from here and now) and enabling thinking of common struggles. Even if this means challenging the current trend of interaction by communicating by sound rather than by sight, thus reversing the Modern hierarchy of the senses.


Drawing on psychiatric therapy, the interstitial space is by its nature ambiguous, its game is to place oneself in a position of identification with the other(s) through the observation of parts of oneself and dialogue with those parts to generate new hypotheses and relational experiences. In this sense, the artists involved have established connections and shaped collaborations, moments of interrelatedness that are silent conversations between the artworks. The dissident symptom, which manifests itself in the interval between two moments, jams the spiral course and introduces an interstice. Similarly introducing frames extraneous to the current narrative, the critical discomfort hinted by the works attempts to interrupt tested productive chains. The appropriation of interstitial spaces as previously empty spaces (or moments) thus helps us resemantize them not as a form of transit, but as a mode of belonging as production of new orientations and structures, although precarious.
If we have lost the compass, we could even take advantage of the new perspective and enjoy the landscape in front of us made of ephemeral tides to be ridden and powerful connections to be invoked.


With friendly support of the Authority for Culture and Media Hamburg, District Hamburg-Mitte.

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