
Dirk Meinzer
Die Einfalt III
Von der Folklore des Obszönen
Eröffnung: Fr., den 30.10. 2026, 19 Uhr
Öffnungszeiten: Sa., den 31. 10. + So., den 01.11. – Do, den 05 + Fr. 07.11. von 17 bis 21 Uhr
und nach Absprache!
Die Ausstellung wird freundlich unterstützt von der Behörde für Kultur und Medien Hamburg.
»Charlie Brown: ›Eines Tages werden wir alle sterben, Snoopy!‹+
Snoopy: ›Ja, das stimmt – aber an allen anderen Tagen nicht.‹«
— Charles M. Schulz, Die Peanuts
»Es schaudert uns bei dem Gedanken, zu Nichts zu werden.
Doch wie viel mehr Angst hat das Nichts davor, es könnte zu einem Menschen werden!«
— Dschelaleddin Rumi
Deutschland gehört international zu den Ländern mit dem höchsten Pornokonsum im Internet und gilt zugleich als einer der größten Produzenten weltweit.
Ich zensiere seit meiner Jugend Pornografie. Meine Mutter arbeitete als Außendienstmitarbeiterin im Pressegroßhandel (Grosso), dem entscheidenden Bindeglied zwischen Verlagen und Einzelhandel – Kiosken, Tankstellen und Buchhandlungen. Sie war für Betreuung, Belieferung und Beratung der Händler zuständig. Dadurch hatte ich Zugang zu allem, was angeboten wurde. Auch Pornografie gehörte dazu und weckte früh mein Interesse.
Ich begann, damit kreativ zu arbeiten. Die heute als „Sirenenheime“ (totalzensierte Pornografie) betitelte Werkgruppe entstand. Sämtliche Obszönitäten werden mit der Präzision eines Tranchiermeisters, der sein Messer im 90-Grad-Winkel führt, herausgeschnitten. So verwandeln sich die Zeitschriften in Freudenheime, deren kubistisch-komplexes Raumgefüge die entblößten Verführerinnen bis in die letzten, nicht mehr einsehbaren Separees zurücktreten lässt. Was dem Betrachter bleibt, ist seine lebhafte Einbildungskraft.
Die herausgeschnittenen Fragmente wurden in Kisten nach Körperteilen geordnet archiviert.
Über die vielen Jahre wuchsen sie zu einem opulenten Fundus heran, der bis zum Entstehen der Werkgruppe „Rauchmeer“ im Verborgenen ruhte und und nie öffentlich präsentiert wurde.
Einzige Ausnahme bildet die Werkserie „Micronudes“. Sie besteht aus fingernagelgroßen Bildausschnitten, die auf Minutiennadeln – extrem feinen, kurzen, kopflosen Nadeln, wie sie in der Entomologie zur Präparation kleinster Insekten, etwa Fliegen oder Ameisen, verwendet werden –aufgespießt sind. Vor einer rauchgrauen Glasplatte schweben die winzigen, fliegengroßen Akte im Goldenen Schnitt eines Plexiglaskastens.
Die Figur sitzt jedem Betrachter, der vor den Kasten tritt, spiegelnd auf der Nase. Ein ernster Scherz, angesichts des allgemeinen und hier heiter durchgespielten Erkenntnisverlangens, mit stets kläglichem Ergebnis, da man sich immer selbst im Weg und im Licht steht, als Voyeur wie als Sammler mit Schwerpunkt nachtaktiver Schmetterlinge, also Spannerartige.
2009 entstand gemeinsam mit Helmut Reinisch, einem Sammler orientalischer Teppiche, außerdem die Werkgruppe „Seltene Paradiesvorstellungen“. Historische anatolische Kelims aus Ketschi (Ziegenhaar), gewebt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, bilden hier den Bildraum für von Helmut Reinisch ornamental , symbolisch angeordneten „Micronudes“.
Micronude“, 2007, 20 x 25 x 5 cm, Papier, Insektennadel, Plexiglaskasten,
!Seltene Paradiesvorstellung I–IV“, 2009
In Kooperation mit Helmut Reinisch
„Micronudes“ auf gewebtem Kelim aus Ketschi (Ziegenhaar)
160 x 135 cm
Rauchen und Pornografie folgen derselben Logik:
Wiederholung, Reiz, Erschöpfung.
Mein Wunsch, mit dem Rauchen aufzuhören, mündete in das Konzept Zigarettenschachteln mit diesen Resten, mit Gedichten, Kunstabbildungen und Stickern zu gestalten. Die Werkserie umfasst 365 Objekte, die in einer kalenderartigen Anordnung präsentiert werden.
Mit dem Grauen des 21. Jahrhunderts hat der Tod seine Poesie weitgehend verloren. Stattdessen ist eine massive Verschiebung hin zum Eros zu beobachten, die den Thanatos nahezu verdrängt. In der westlichen Gesellschaft zeigt sich eine Besessenheit vom Eros in all seinen Formen – von Hardcore-Pornografie bis zur Suche nach spiritueller Erleuchtung und Souveränität. Diese Fixierung kann als kulturelle Verdrängung von Tod und Trennung gelesen werden: Eros ohne Thanatos.
Ein Blick in die Welt wie auch in unsere inneren Landschaften konfrontiert uns mit einer gewaltigen Zerstörungskraft und einer heimlich-unheimlichen Zerstörungslust. Der Blick in den Abgrund wird oft vermieden – doch gerade die übersehenen Abgründe sind jene, in die man am ehesten stürzt.
Die gegenwärtige gesellschaftliche Lage macht Lücken, Mängel und Defekte eines Systems sichtbar. Der mediale Diskurs schmerzt; die Bruchstellen treten offen zutage.
Der Staat und der Mensch sind weit weniger souverän, als sie glauben. Man trägt weiter, was einem zugetragen wird. Man spricht und weiß nicht immer, was man sagt. Man erscheint – und verschwindet irgendwann wieder von der Erdoberfläche. Das gilt es auszuhalten, ohne daran zu zerbrechen.
Bilder des Schreckens werden häufig als entmenschlichend, pornografisch oder voyeuristisch bezeichnet. Viele Menschen wollen solche Bilder nicht sehen und sich dieser Realität nicht aussetzen. Doch es ist mühsam, die Ideologien zu erkennen, die dieses Grauen hervorbringen. Was müsste geschehen – und was kann der Einzelne tun –, damit wir nicht nur die Gefährdung des Lebens wahrnehmen, sondern diese Wahrnehmung mit ethischem und politischem Widerstand verbinden?
Gefordert ist eine individuelle Souveränität, die Differenz erkennt und Denken als äußerste Form des Widerstands begreift. Kunst bildet dieses Denken ab. Mein künstlerisches Werk ist davon getragen – so auch die „Sirenenheime“ und „Rauchmeer“: als Versuch, eine Wahrnehmung zu ermöglichen, die dieses Erkennen erleichtert.
Das Erhabene partizipiert am gesteigerten Profanen. Der Moment des Exzesses, das Zusammenfallen des Heterogenen, ist nicht nur der Einzug eines Gastes mit Geschenken und Pracht, sondern ebenso eine Entblößung ohne sakrale Aura. Das Feld des Heterogenen wird von Erotik, Verausgabung, Tod, Fest und Krieg bestimmt; das des Homogenen von Arbeit, Akkumulation, Regel, Familie und Gesetz. Das Homogene bildet die Folie, vor der sich Pracht und Katastrophe des Heterogenen entfalten.
Pornografie spiegelt die Begierden einer Kultur besonders deutlich wider – als idealisiertes, kundenorientiertes Produkt. Begreifen wir sie als mediale Scheinwelt unbegrenzter sexueller Möglichkeiten, lassen sich ihre Inhalte von der Wirklichkeit entkoppeln: Sie zeigen nicht, wie es ist oder sein sollte, sondern wie es in einer utopischen Welt der Wollust sein könnte. Der zunehmende Konsum kann als Zeichen einer Sehnsucht nach Utopie gelesen werden.
Gleichzeitig zeigt Pornografie genau das, was im wirklichen Leben nicht stattfindet – weil wir es weder können noch wollen. Die mediale Inszenierung von Sexualität zielt oft auf schnelle Erregung ohne nachhaltige Bedeutung. Es geht weniger um Gefühle als um das Vordringen zum Objekt, das zum bloßen Auslöser einer Entladung wird. Eine solche Sexualität entfernt sich weit vom Eros, auch wenn sie unablässig Lust suggeriert. Sie droht zum Kurzschlussphänomen zu werden: Erregung statt Bedeutung.
So kann Pornografie zu einem Motor der Rückentwicklung von Sinnlichkeit zu bloßen Körperreflexen werden. Anstatt Fantasien freizusetzen, verpufft sie. Die isolierte Empfindung mag intensiv sein, doch ihr fehlt der Raum, Wurzeln zu schlagen, Bedeutung zu gewinnen oder sich zur Leidenschaft zu vertiefen.
Mein Decollagieren bedeutet, im Ausnahmezustand zu bestimmen. Indem ich Gedankenbrücken schlage, schaffe ich Souveränität und eröffne Bedeutung – auch wenn diese rätselhaft, grotesk und unauflösbar mehrdeutig bleibt. Meine Werke sind offen für Vermittlung in vielerlei Hinsicht, jedoch nicht im Sinne einer eindeutigen Botschaft.
Die „Sirenenheime“ und „Rauchmeer“ verstehen sich als Einladung zu einer symbolischen Kommunikation – getragen von der bejahenden Frage, ob Kommunikation heute noch gelingen kann.